Weigerung zu schweigen
Schlagworte:
soziale GerechtigkeitAbstract
In unserer Vision des post-social turn kann der Fremdsprachenunterricht nicht länger auf Wortschatzlisten und Grammatikübungen reduziert werden. An allen Pädagogischen Hochschulen der Schweiz – und höchstwahrscheinlich an vielen ähnlichen Institutionen weltweit – wird der Schwerpunkt auf die performativen Aspekte des Sprechakts gelegt: Sprechen bedeutet, die Welt zu interpretieren und in ihr sowie mit ihr zu handeln; eine Fremdsprache zu lernen heisst, ein sprachliches Repertoire aufzubauen und zu nutzen, das es uns ermöglicht, in unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenen Gesprächspartnern eine Realität zu konstruieren.
In einer Welt, in der ein Staatschef bereits zu Beginn eines Konflikts einen „Sieg“ über eine andere Nation für sich beanspruchen kann, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Sprache kein neutrales Werkzeug ist: Sie ist durchdrungen von Absichten, Normen und Entscheidungen – manchmal unsichtbar, aber niemals unbedeutend.
In diesem Zusammenhang möchten wir unseren Leser*innen einen Auszug aus einem Lehrwerk präsentieren, der uns, gelinde gesagt, verwirrend erscheint. In einer Lektion, die sich mit Rassismus-Fragen befasst, werden zwei Gedichte einander gegenübergestellt: auf der einen Seite ein reichhaltiger und bildhafter Text von Christina Rossetti, der für eine kanonische literarische Tradition steht; auf der anderen Seite ein Text, der als „von einem afrikanischen Kind geschrieben“ präsentiert wird, mit bewusst vereinfachter Syntax, basierend auf elementaren Wiederholungen und einem Farbkontrast, der Rassismus anprangern soll. Dieser zweite Text ist jedoch in Wirklichkeit eine vereinfachte Adaption eines Gedichts von Léopold Sédar Senghor, dem seine gesamte stilistische, politische und poetische Komplexität genommen wurde.
Das Problem ist nicht nur textueller Natur, sondern zutiefst pragmatisch. Was bewirkt diese Gegenüberstellung? Welche Vorstellungswelten bringt sie hervor? Auf der einen Seite eine Sprache, die mit Raffinesse und literarischer Legitimität verbunden wird; auf der anderen eine Rede, die zugeschrieben, anonymisiert und vereinfacht wird – und vor allem eine Bevölkerung, die implizit infantilisiert wird.
Wenn Unterrichten auch bedeutet, auf die Welt einzuwirken, dann verpflichtet die Herausgabe einer Zeitschrift wie Babylonia mitunter dazu Stellung zu beziehen. In diesem Fall ist unsere Position klar: wir lehnen diese gefährlichen impliziten Vorurteile ab.
Mit diesem Anspruch – und der Freude am gemeinsamen Nachdenken – wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre dieser Ausgabe.
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