Kurze Überlegungen zu Gegenwart und Vergangenheit

Autor/innen

DOI:

https://doi.org/10.55393/babylonia.v2i.840

Schlagworte:

Χαίρων ἀνάγνωθι!

Abstract

Als uns diese Ausgabe zum Thema der alten Sprachen vorgeschlagen wurde, fragten sich einige aus unserem Redaktionsteam, ob wir uns damit nicht auf ein zu trockenes und elitäres Gebiet begeben würden; normalerweise versuchen wir nämlich, uns an Themen zu halten, die ein breites Publikum interessieren und viele Bereiche abdecken.

Wir schlugen daher vor, den Zusammenhang zwischen dem Unterricht der alten und modernen Sprachen hervorzuheben, um alte, „verstaubte” Barrieren zu überwinden. Als die Beiträge eintrafen, wurde uns klar, dass es offensichtliche Vorteile hat, das „Alte” und das „Neue” zusammenzubringen und dafür zu sorgen, dass das „Alte” und das „Moderne” voneinander lernen.

Ein „moderner” Aspekt, der während der gesamten Redaktion dieser Ausgabe immer wieder auftauchte, ist der Einsatz generativer künstlicher Intelligenz. Wenn Sie Claude fragen: „Kann KI in altgriechischer und moderner griechischer Sprache schreiben?”, antwortet die Maschine mit Ja, fügt jedoch hinzu, dass „altgriechische Texte möglicherweise mehr Inkohärenzen aufweisen, da weniger Trainingsdaten vorhanden sind” und dass sie manchmal Schwierigkeiten hat, „archaische Grammatik und Syntax zu verstehen”.

Diese Fähigkeit der generativen KI, bei jeder Art von Antwort, auch in Bezug auf alte und moderne Sprachen, relativ leistungsfähig zu sein, gibt Anlass zur Sorge bei der Bewertung der Arbeit von Studierenden. Infolgedessen haben einige von uns einen Schritt zurück gemacht und schriftliche Prüfungen erstellt, die spezifisches Wissen oder Fakten testen, anstatt modernere Prüfungen zu machen, die den Transfer und die Anwendung von Wissen überprüfen. Der BYOD-Modus oder das Verfassen von reflektierenden Portfolios können nicht mehr im Unterricht eingesetzt werden.

Leider sind diese reflektierenden Arbeiten oft nur dem Namen nach reflektierend. ChatGPT und andere Bots produzieren Texte, die manchmal überzeugend, aber selten interessant sind.

Wenn die Philosophen der Antike Lehrpersonen in der Moderne ausbilden würden, wären sie zweifellos überrascht, wie schnell die Schüler:innen ihr Lernen an eine Maschine delegieren. Sokrates beispielsweise gab keine vorgefertigten Antworten weiter: Er stellte Fragen, provozierte und zwang seine Gesprächspartner:innen zum Nachdenken. Generative künstliche Intelligenzen hingegen liefern sofortige und höfliche Antworten, jedoch ohne den intellektuellen Weg, der zum Verständnis führt. Darin liegt unserer Meinung nach die Gefahr: das Ersetzen des Nachdenkens durch Automatisierung.

Der Unterricht alter und moderner Sprachen muss sich daher weiterentwickeln. Da Maschinen bereits schneller übersetzen als wir, geht es nicht mehr nur um den Aufbau von Vokabeln oder die Beherrschung grammatikalischer Aspekte – und auch nicht mehr nur um die Entwicklung kommunikativer Kompetenzen –, sondern um den Erwerb einer kritischen Haltung: den Sinn hinterfragen, Kontexte vergleichen, Nuancen verstehen. Mit anderen Worten: Es geht darum, die sokratischen Kompetenzen im Zentrum des Lernens zu fördern – sowohl bei modernen als auch bei alten Sprachen.

Χαίρων ἀνάγνωθι!

Veröffentlicht

2025-09-29

Zitationsvorschlag

Lambelet, A., & Editorial Team of Babylonia. (2025). Kurze Überlegungen zu Gegenwart und Vergangenheit. Babylonia Journal of Language Education, 2, 6–7. https://doi.org/10.55393/babylonia.v2i.840